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Pessach vor der Tür!

Zwischen Purim und Pessach macht die israelische Hausfrau eine seltsame Wandlung durch. Sie kennt weder Rast noch Ruhe mehr. Als wäre ein Dschinn in sie gefahren, schweift sie durch die Wohnung, inspiziert finsteren Blickes Schränke, Schubladen, Büchergestelle, macht geheimnisvolle Notizen. Dann bricht sie auf zum Grosseinkauf von Putzartikeln, denn das grosse Reinemachen steht an. Wenn Pessach kommt, darf kein Krümchen chametz („Gesäuertes“) mehr in der Wohnung sein, weder in Ritzen der Polstermöbel, noch in Kleidertaschen, noch zwischen Buchseiten, noch zwischen Einlage und Schuh. Wer das zustande bringen will, muss frühzeitig anfangen und konsequent nach einem bestimmten, meist überlieferten „Fahrplan“ vorgehen.

Zuerst einmal wird die Wohnung entschlackt. Wie viel Überflüssiges hat sich im Laufe des Jahres angesammelt! Weg mit den Kleidern, die keiner mehr trägt, mit der abgetretenen Türvorlage, mit den Stapeln von Zeitschriften, mit den alten Einweggläsern, weg, weg, weg. Eine wahre Orgie des Wegwerfens hebt an. Sack um Sack wird hinaus zu den grossen grünen Müllcontainern geschleppt. Was beim Durchmustern und Ausräumen nicht alles zum Vorschein kommt, und an den unerwartetsten Orten! Die lang vermisste Lesebrille, die Jokerkarte, das nicht zurückgegebene Buch aus der Bibliothek ....

Beim eigentlichen Reinemachen wird nach dem Prinzip „das Wichtigste zuletzt“ vorgegangen. Langsam arbeitet man sich durch die ganze Wohnung Richtung Küche. Wo schon geputzt ist, darf nicht mehr gegessen oder genascht werden, das würde die ganzen Anstrengungen illusorisch machen. Also gilt es, unablässig ein waches Auge auf die Nachkommen/ den Eheherrn zu halten, was nicht wenig Kräfte kostet und mit ein Grund ist, warum so viele Hausfrauen in der Zeit nicht nur müde, sondern auch heiser sind.

Dann die Küche. Dort ist am meisten chametz (Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel in allen Formen und alle daraus hergestellten Produkte), und dort wird es während der ganzen Zeit noch gebraucht; also reinigt man sie ganz zuletzt und sehr, sehr gründlich. Alles Geschirr und alle Kochgeräte werden unzugänglich verstaut; an ihrer Stille wird das festliche, nur für Pessach bestimmte Geschirr, besondere Kochtöpfe etc. hervorgenommen und noch einmal gereinigt, bis alles glänzt und strahlt. Der Kochherd allein erfordert zwei Stunden angestrengter Arbeit, bis er sauber genug ist, ebenso der Kühlschrank. Ganz, ganz fromme Familien bewahren sogar in einem Nebenraum einen pessachtigen Kochherd und einen ditto Kühlschrank auf, die jedes Jahr nur eine Woche lang gebraucht werden; sie fürchten, ein Krümchen Brotrinde, ein Stäubchen Mehl könnte ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein und ihre Küche chametzdig machen.

Kein Wunder, dass die Hausfrauen recht gestresst durch diese Zeit gehen. Trifft man eine, erkundigt sie sich nicht wie sonst nach dem Befinden der Familie, sondern fragt: Wie weit bist du? Hast du die Türen schon gemacht? Die Kleiderschränke? Sind die Gardinen sauber? Die Einkaufstaschen? ... Sagt die andere: O, ich kann fast nicht mehr, ich schaffe nicht alles..., ist die Antwort: Es geht nicht anders, wir müssen, wir müssen! Und schon eilen sie davon, nur keine Zeit verplempern, die Arbeit drängt. Die „frommen“ Radiosender bringen Ratschläge für die Hausfrau, wie sie alles gut machen kann, ohne zusammenzubrechen, und Hinweise wie „Staub ist nicht chametz, und saubere Fensterscheiben sind kein Gebot“.

Aber wer hört auf so etwas? Sicher nicht, wen die jahreszeitlich bedingte Putzraserei gepackt hat, dieser unüberwindliche Trieb, alles rein, alles neu, alles besser zu machen, diese Spielart des tief inneren menschlichen Dranges nach Vollkommenheit. Sich von den Schlacken befreien, sich erneuern, sich rüsten für einen Aufbruch - das ist der tiefere Sinn dieser Orgien. Ich bin überzeugt, dass sich Ähnliches zu allen Zeiten, in allen Kulturen, unter allen Himmeln abgespielt hat, schon in den Höhlen am Karmel und den judäischen Bergen, dann in den Städten der Nabatäer und den Burgen der Kreuzfahrer; bei den Kelten, indianischen Stämmen, den Chinesen und den australischen Aborigines. Was wir jetzt und hier tun, ist unsere Ausprägung alt uralter Überlieferung.

Aber was sitze ich da und blogge? Die Pflicht ruft!
6.4.06 17:51
 


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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


1st / Website (9.4.06 01:12)
Seit Tagen treibt mich dieser verrückte Dschinn, bringt mich dazu, die Wohnung in einen völlig unübersichtlichen und fremden Ort zu verwandeln, jagt mich mit Taschen voller Zeugs ins Brockenhaus und verpasst mir diese schrecklichen Röntgenaugen, welche das winzigste eingetrocknete Regentröpfchen an der Fensterscheibe erspähen. Heute habe ich meinen neuen Nachbarn in der Eile beinahe überrannt. Er rief mir etwas von "lischtot kafe" nach. Ich rumpelte mit einem Wagen voller Altglas dem Kontainer zu, wehrte ab mit einem erklärenden "Ossim Pessach".
Und das alles im tiefsten Westen von Bern, liebe Vered!
Der Dschinn wird sich bald zurück ziehen, vielleicht in eine der nahen Sandsteinhöhlen - aber nächste Ostern ...


lLudovikall / Website (9.4.06 11:34)
für mich unglaublich! und das ist echt wie ein unterirdisch angeordneter zwang?
sowas hab ich nie- wie würde sich mein ordentlicher gatte freuen! und nun, mit so einer literatenschlampe liiert, macht er einfach vieles selber:-)
ihr hättet eine million fleißkärtchen verdient:-)
gruß von Lu


vered / Website (9.4.06 20:40)
@ Lu: Das ist ja das Schlimme dabei, o Lu: Ich schreibe über "die israelische Hausfrau"; ich weiss, was "sie" treibt, was "sie" tut - aber ich?! Der Dschinn ist da und sagt mir, was zu tun ist, nein, wäre - denn der Körper macht nicht mit, und so vieles wird eben doch nicht getan. Die Fleisskärtchen muss ich Leuten wie 1st überlassen, mir kommen sie bestimmt nicht zu.
@ 1st: Das eingetrocknete Regentröpfchen - ach ja, bei mir haben sich die Fensterscheiben noch nicht von den Sandstürmen erholt und die Aussicht ist/ die Aussichten sind trübe...
Aber da ich nicht im Westend (von Bern) wohne, macht das weniger....
Chapeau, 1st ist 1st class!


vered / Website (15.4.06 14:06)
Ich habe inzwischen zu Staub ist nicht chametz, und saubere Fensterscheiben sind kein Gebot noch eine schöne Ergänzung gehört: ... und die Hausfrau ist nicht das Opferlamm zu Pessach!

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