wusisdus?
  Startseite
  Archiv
  Kontakt
  Abonnieren
 


 

https://myblog.de/veguhadas

Gratis bloggen bei
myblog.de





Links
  adloyada
  blogk
  chajms sicht
  chayyei sarah
  Don's Mideast Musings
  il giardino
  grenzgaenge
  haGalil
  the human picture
  imshin
  jewropean
  juebe
  kaltmamsell
  kelef
  Leben in Jerusalem
  lila
  ludovika
  my shrapnel
  neverever
  on the face
  pepa
  Raising Yousuf
  rungholt
  tanja
  Window on the Arab World
 
Wahlen in Israel - ganz subjektiv kommentiert

Nicht zu glauben, aber ich habe auf meine alten Tage noch Fanpost bekommen: “...wir verstehen die Welt nicht mehr! Israel hat gewählt und noch kein Kommentar von Vered!“ Das zerknirscht und verpflichtet mich zum unverzüglichen Nachholen des Versäumten.

Die Wahlen sind also zum Glück überstanden. Seit Wochen hatten sie uns gewissenhaften Staatsbürgern Bauchschmerzen bereitet. Alle grossen Parteien hatten enttäuscht, keine war frei von Korruptionsaffären und dergleichen. Überall hatten Politiker das Sagen, deren Worte und Taten voraussehbar sind wie der Ablauf von Uhrwerken mit Kunstfiguren. Plakate brachten nur Schlagworte, Radio- und TV- Propagandaspots nichtssagendes Gewäsch. Es gab kaum eine Möglichkeit zur sachlichen Information, welches Programm die Partei X oder die Partei Y vertraten und wer genau ihre Kandidaten waren. Bis am Vortag der Wahlen wusste ich nicht einmal, wie viele Parteien und Gruppierungen überhaupt im Rennen lagen (31!!), geschweige denn, wie die weniger bekannten hiessen und was sie wollten. Ratlosigkeit, Unlust, Gleichgültigkeit, Überdruss waren weit verbreitet. Der Ausgang schien zum voraus festzustehen, also wozu sich anstrengen? Der nächste Premier würde Olmert heissen, auch wenn seine Kadima-Partei etwas weniger stark sein würde als zuerst angenommen; er würde mit Konzessionen da und dort schon irgend eine Regierung zusammenschustern können ....

Kein Wunder, dass ein Drittel der gut 5 Millionen Wähler nicht vorhatten, sich an der Wahl zu beteiligen und von den übrigen fast ein Viertel noch wenige Tage vor dem 28. März nicht wussten, wie sie sich entscheiden sollten. (Ich darunter). Nicht wenige sagten, sie würden einen weissen Zettel einlegen, aus Protest. Erst als die für den korrekten Ablauf der Wahlen verantwortliche Oberrichterin i.R. Dorit Beinisch klarstellte, weisse Zettel würden im Gesamtresultat nicht mitgezählt und nicht erwähnt und wären demnach sinnlos, besann man sich auf andere Formen des Protestes.
Als eine junge Wissenschafterin, die jetzt an ihrem Doktorat arbeitet, mir erzählte, viele Junge würden entweder die „Marihuanapartei“ Aleh Yarok oder die Rentnerpartei wählen, dachte ich, sie mache einen Witz, und antwortete: Oh, das passt schön zu dem Spruch eines Jungen, der, gefragt, was denn er mit der Rentnerpartei zu tun habe, sagte: Ani mabit kadima lezman schelo yiheye li meretz leavoda. (ein Wortspiel, das die Namen drei wichtiger Parteien einschliesst. Der Satz heisst: Ich schaue vorwärts/ voraus in die Zeit, wo ich nicht mehr Tatkraft zurArbeit haben werde.) Sie lachte: Jetzt hast du mich endgültig überzeugt.

Und ich? Ich überzeuge – ohne zu wollen zwar – andere, und gehe nicht selber hin? Das liess das Pflichtbewusstsein denn doch nicht zu. Aber einen Denkzettel sollten „sie“ kriegen, oh ja. Diesmal würden „sie“, die Etablierten, meine Stimme nicht bekommen. Ich halte es mit den underdogs. Gab es die Beduinenpartei noch? Nein, die war eingegangen, schade. Auch die Äthiopier hatten nichts vorzuweisen. Blieben – die Rentner. Die – wir, denn ich gehöre ja auch dazu – sind in den letzten Jahren von Bibi und seinen Knaben arg gebeutelt worden: Kürzung der Sozialgelder und der (von uns selbst einbezahlten) Ruhestandsgelder, Streichungen im Gesundheitswesen, Wegfall von Vergünstigungen in der Liegenschaftssteuer etc.etc. Ja, wir sind underdogs geworden. Mir tut es jedesmal in der Seele weh, wenn in der Apotheke ein Alter ein Rezept vorweist, aber dann sagt: Das ist mir zu teuer, gib mir doch nur für drei Tage Antibiotika, ich kann nicht für zehn Tage bezahlen. Und ich schäme mich für unsere Gesellschaft, wenn ich eine alte Frau aus unserem - unserem - Dorf im Abfallhaufen neben dem feinen Früchte- und Gemüseladen verschämt nach noch Verwendbarem suchen sehe. (Der Besitzer ist grosszügig im Wegwerfen, damit die Bedürftigen auch etwas Rechtes finden, und nimmt dann im Laden gepfefferte Preise – eine Art Sozialausgleich à la Robin Hood)
Also denn, sei es. Auch wenn meine Stimme verloren geht, ich will ein Zeichen setzen helfen. Und wer weiss, vielleicht schaffen wir die 2% doch, und zwei echte Alte ziehen ins Parlament ein (Shimon Peres zählt nicht, dessen Uhren gehen anders).

Ich habe also „Gil“ gewählt, die Rentnerpartei. („Gil“ bedeutet Lebensalter, aber auch Freude.) Zwar nur mit halbem Herzen: Ich meine, man darf auch ob dringenden Partikularinteressen nicht den Blick fürs Ganze verlieren. Israel hat ja noch grössere Sorgen als seine Senioren ... Aaaber: siehe oben....

Ja, und dann um 10 Uhr abends die grosse Überraschung: Nach Hochrechnung zieht „Gil“ mit sieben Kandidaten in die Knesset ein! Wow!! Und wer hat sie herein gebracht? Die ganz Jungen!!

Die Verblüffung war echt und gross, nicht zuletzt bei „Gil“. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet, auch nicht die Klugen von den Umfrage-Instituten.

Und nun geschah etwas Seltenes und Schönes: Es gab von allen Seiten, auch von der politischen Konkurrenz, eine Menge Firgun. Firgun ist ein israelisches Slangwort und kommt vom deutschen vergönnen. Die Jungen wurden gelobt, die ihre Stimme „Gil“ gegeben hatten; Kommentatoren sahen das als eine Rückkehr zu jüdischen Werten, zum Grundsatz der Ehrung des Alters, den Bibi in den Staub getreten hatte.

Alt sein ist plötzlich „in“: Die Presse bringt Artikel zum Thema und interviewt die plötzlich in eine unerwartete Machtstellung Katapultierten, das Radio macht Sendungen mit Alten und über Alte, Rafi Eitan, der „Gil“ ins Leben gerufen hatte, wird hofiert und nach den Plänen der Bewegung befragt.... Da und dort gibt es auch etwas gönnerhafte Stimmen: Ob denn diese unerfahrenen Alterchen wirklich die Fähigkeiten besässen, die in der Legislative nötig sind und dgl. Man kenne doch ausser Rafi Eitan kaum einen Namen auf der Liste ... Nun, es mag sein, dass die Hinterbänkler nicht so gut vorbereitet sind, und sicher sind ihre Ziele eng und einseitig gefasst, nämlich allen Israelis ein Altern in Ehren zu sichern. Sie wollen unbedingt in die Koalition, nur dort können sie etwas ausrichten, sagen sie. Zu diesem Zweck sind sie bereit, mit allen Parteien zusammenzuarbeiten. Sicherheitsfragen, Aussenpolitik berühren sie kaum. –

Ich warte gespannt darauf, ob sie ihr Anliegen durchsetzen können. Eines haben sie jedenfalls schon zu Stande gebracht: Sie haben die Öffentlichkeit sensibilisiert für die Dringlichkeit der Wiedergutmachung des Unrechts, das die Finanzpolitik der letzten Jahre ihnen (und anderen Schwachen, wie Invaliden, gefährdeten Kindern, allein erziehenden Eltern ...) angetan hat.
1.4.06 18:46
 


Werbung


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Lila / Website (5.4.06 22:41)
Liebe Vered, das ist ja toll, endlich weiß ich, woher das schöne Wort firgun kommt! Und mir dämmerte, daß die Renterpartei wirklich eine Zukunft hat, als meine smarte Freundin aus dem Merkaz, also der Gegend von Tel Aviv, meinte, sie und ihre Freundinnen wählen alle die Rentnerpartei.

Wieso sollten Knesset-Neulinge der Rentnerpartei sich dümmer anstellen als die Pfeifen, die in der letzten Knesset saßen? Peinlicher als Pnina Rosenblum, diverse Langfinger, Mafiakinder und sonstige schräge Vögel können sie ja wohl nicht werden.

Hast Du heute in den Nachrichten gesehen, wie voll die Ausschußsitzung zur Zimmerverteilung in der nächsten Knesset war? Ya-alla, so viele Leute sieht man im Ausschuß zur Gleichstellung der Frau, zur Verhinderung häuslicher Gewalt oder Eindämmung der Verkehrsunfälle NIE. Die setzen eben originelle Prioritäten.

Hier im Kibbuz haben viele Aleh Yarok gewählt. Aber lassen wir die Alten mal machen. Schließlich ist Israel berühmt für seine politischen Krokodile, die in einem Alter zuschnappen, wenn anderswo schon längst die Jüngeren dran sind. Heidad!

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
s



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung