Es fing an mit den
Flugratten der
Frau Kelef: Das „im beserlpark stehen ein paar alte leute und füttern flugratten, krähen, möwen und alles andere was federn hat mit feinem weissen toastbrot, körnern und verschiedensten abfällen“ in ihrem neusten Eintrag gab mir gar viel zu denken. Flugratten. Flugratten? Was kann das bloss sein? Meint sie Fledermäuse? Doch nicht. Die sind scheu und fliegen nur nachts, wenn überhaupt noch, und mischen sich bestimmt nicht unter so proletarisches Zeugs wie Krähen und Möwen. Also? Der dicke fette Duden (Universalwörterbuch) mit seinen 120000 Stichwörtern weiss es nicht, ein trüber Trost. Das „Wie sagt man anderswo?“-Duden-Bändchen ebenfalls nicht. In Brehms Tierreich kommen sie nicht vor. Blieb nur noch eine Anfrage bei Frau Kelef persönlich, die weiss ja, wovon sie schreibt. Und sie kam, die rettende Auskunft: „Als "Flugratten" (in Österreich, speziell Wien) oder "Ratten der Lüfte" werden die Stadttauben bezeichnet, weil sie, wie die Ratten, alles fressen, jede Menge auch für Menschen und Haustiere ansteckende Krankheiten übertragen, jede Menge Ungeziefer beherbergen und, einmal heimisch geworden, nicht wieder loszuwerden sind.“ Alles klar, dankschön, Frau Kelef!
Im weiteren Verlauf des Briefes sagt Frau Kelef, ihr Wienerisch gehe manchmal mit ihr durch, und verspricht Besserung. Nur das nicht, Frau Kelef, bleiben Sie beim Wienerischen, es trägt so viel zum Charme Ihres Blogs bei! Wenn Sie mal einen Ausdruck bringen, den man in Graz oder Salzburg oder München nicht versteht, können Sie ja „eh“ in Klammern eine Übersetzung beifügen, wenn Sie mögen, etwa wie die Kaltmamsell, die über
Reiberdatschi (Kartoffelpuffer) schreibt. Ich
verlustiere Ihr
Ochsenschleppsüppchen, die
Paradeiser und
Selchwürste, Grammeln und
Grieben, ich könnte ab und an einen
Zoff mit den
Blagen haben, von wegen denen ihrem
Gelabere... All das möchte ich in Ihrem Blog nicht missen. Bleiben, bleiben Sie dabei! Gelegentlich freilich fühle ich mich aufgeschmissen; mit dem
Fetzenschäderl und mit
beschnofeln weiss ich nichts anzufangen ... Ich werde mir doch eines Tages das Duden-Taschenbuch „Wie sagt man in Österreich?“ zulegen, vielleicht noch
heuer. Schade, dass der
Jänner vorbei ist; da habe ich Geburtstag -

Ja, wer Dialektwörter in seine Sprache einfliessen lässt, der ist in allerbester Gesellschaft. Wie sagte
Croco doch einmal? „Goethe sprach ... hessisch, Schiller und Hölderlin schwäbisch, was anderes wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen.... Die Gewalt ihrer Sprache kommt mit Sicherheit auch aus der Fülle des Dialektes ...“ Aus dieser Fülle, behaupte ich, erneuert sich die deutsche Sprache immer wieder.
Schon als Kind war ich sehr sprachbewusst. Ich bin an einem Platz aufgewachsen, an dem ich viele verschiedene Dialekte zu hören bekam; das weckte mein Interesse und schärfte mein Ohr. Auf der Uni belegte ich ein sprachgeographisches Seminar mit Feldarbeit, „far di Neschumme“ (das ist jiddisch und heisst „für die Seele“ oder in unserem Fall „fürs Gemüt“). Und jetzt, da ich schon an die 40 Jahre weit weg vom deutschen Sprachgebiet lebe, ist es für mich ein heiter stimmendes Erlebnis, meine alte Liebhaberei wieder aufzunehmen und Blogs auf landschaftlliche Spracheigenheiten hin zu lesen. Besser gesagt: Ich muss sie nicht suchen, sie fliegen mir einfach zu. Wenn die
Kaltmamsell hinaus geht, wenn es
schniebelt, zum
aushäusigen Essen und sie am liebsten
Ramen aller Art (wus is dus?) oder eben
Reiberdatschi bestellt, ist mir, als hätte sie mir aus dem fernen München
zugewunken.
Croco macht mit
kirre und
donnerlütt mein Herz hüpfen.
Lila gibt mir mit ihren rheinischen Spezialitäten oft Rätsel auf. Aber es ist wie verhext: Jetzt, wo ich einige schöne Beispiele suchte, konnte ich kaum etwas finden.
Die Lamäng ist wohl eher humoristisch gemeint,
diesig ist bekanntlich eine niederrheinische Wetterlage und Gemütsverfassung, und
der Schinoss wurde in den Kommentaren zu „Erwischt!“ schön erklärt.
Sehr ergiebig für Dialektfreunde ist der
Blogk. Seine Verfasser wohnen einem
Aussenquartier der Stadt Bern. In Bern redet man noch Dialekt, und Hochdeutsch wird als erste Fremdsprache gelehrt: Sie fahren mit dem
Töff auf
Nebenhöger, ziehen zu Fusstouren
brave Schuhe an (und nicht etwa
Badefinken), tragen dem Grossvater die
Holzscheite ins
Stöckli. Wenn er ihnen von den Zeiten erzählt, da sie nichts
weder Salz hatten, passen sie auf wie
Häftlimacher – kurz, der Text ist nicht nur mit Helvetismen (wie
Spital) gespickt, sondern es kommen auch reine Mundartwörter vor (wie
Chuttebuese) – das sage ich nicht, um zu
schnöden, nein, ich freue mich, wie da quasi auf zwei Manualen georgelt wird; die Mundartnähe wird bewusst, als Kunstmittel, eingesetzt.
Auch nördlichere Gefilde bieten etwas. Wenn ich rauere Lüfte um die Nase haben will, gehe ich z.B. nach Berlin. Wie wär’s mit einem Besuch bei
Pepa? Ihr
geht es sowas von auf den Keks, wenn ein
zugedröhnter Passant brabbelt, bis sie sich
lätschert fühlt und ihn
Knallkopp nennen möchte. Das
Allet nüscht Neuet, ick weeß, tönt (für meine Ohren) fast wie bei Liebermann.
Das alles (und noch viel mehr) bieten die Blogs aus den mannigfachen Sprachlandschaften. Noch habe ich nichts von der Syntax gesagt, geschweige denn von dem, was wohl einen eigenen Eintrag ergeben könnte: der sprachgeschichtlichen Dimension. Das will ich für heute
im Raum stehen lassenund und mich mit einer weiteren Perle aus dem Berliner Sprachschatz verabschieden (auch von Pepa):
Bis denne, ick mak mir jezz dünne.