Am Vorabend des Bauens
Die fünf Erholungswochen waren im Nu um; jeder von uns hatte sie auf seine Weise benützt, um ein Stück vorwärts zu kommen. M lebte ganz in der Gegenwart, die (nahe) Vergangenheit und die (nahe) Zukunft klammerte er aus. Er schaffte sich mit Hilfe des handwerklich sehr geschickten Robert Geräte für heilgymnastische Übungen und übte Tag für Tag, um sich seine früheren Fertigkeiten zurück zu erobern. Die Beiden wuchsen in der Zeit zu einem guten Team zusammen; sie verstanden sich aufs Beste, obschon sie nur eine schmale gemeinschaftliche Sprachbasis hatten. Zu meinem Amüsement entwickelten sie eine ganz private lustige Mischsprache aus Englisch, Deutsch und Hebräisch („Give me my Brill, schamma!“) Robert verfügt auch über eine sehr klare Körpersprache, die er ganz bewusst für pflegerische Zwecke einsetzt. Er hat uns oft mit mimischen Vorführungen erheitert. Eines Tages brachte ein Freund uns eine Bettpfanne.Bei M hätte die unangenehme Assoziationen auslösen, ihm seine Abhängigkeit schmerzlich bewusst machen können. Aber Robert bot uns damit eine tolle Tennisspieler-Persiflage, bis wir Tränen lachten. Eine wunderbare Therapie.
Auch ich lebte gerne in dieser Gegenwart, aber ausserdem hatte ich mich auch auf die nahe Zukunft, die Bauzeit, vorzubereiten. Im Laufe der Besprechungen mit Nava und Nati tauchten eine Menge Detailfragen auf, Vieles wollte bedacht sein. M zeigte sich recht gleichgültig, aber Nava mit Geduld auf alles ein. und führte mich sicher den Weg. Ausserdem hatte ich von Anfang an das Gefühl, in Nati nicht nur einen guten Baumeister gefunden zu haben, sondern einen wirklichen Menschen, und ich fasste sehr bald Vertrauen zu ihm.
So sah ich dem ersten Bautag mit Gelassenheit entgegen. Aber ein oder zwei Tage vor Beginn der Arbeiten machte M plötzlich einen Rückzieher. Nachdem er die Pläne noch einmal gesehen hatte, erklärte er, wir – Nava und ich – hätten über seinen Kopf hinweg beschlossen, ja, seine schlechte Verfassung im „Etablissement“ ausgenützt und ihn übertölpelt, und wollte von nichts wissen. Ich war perplex. Was war da vorgefallen? Er hatte doch Nava freie Hand gegeben?! Nach vorsichtigem Tasten nach dem wunden Punkt zeigte es sich, dass M erst jetzt klar wurde, dass sein Studio dem Bau zum Opfer fallen werde. Sein Studio! Das war seit über 35 Jahren sein eigentliches Reich gewesen, dort hatte er Farben, Werkzeuge, Materialien aller Art, Gefundenes, Erfundenes untergebracht, und kein Mensch ausser ihm kannte sich dort richtig aus. Dort hatte er gedacht, gepröbelt, geschaffen, dorthin konnte er sich immer zurückziehen, wenn er allein sein wollte. Dort war ein grosser Teil seiner Werke entstanden, und dort umgaben sie ihn. Er kam in eine wahre Panik. Alles, alles würde jetzt dahin sein, sein ganzes Lebenswerk verloren. Übermorgen würden die Arbeiter kommen, alles zerschlagen, zerstreuen, zerstören. Alles vorbei, alles für nichts. Er wollte gar nicht mehr leben.
Erklärungen hatten in diesem Moment keinen Sinn. Ich sagte ihm nicht, dass Nati und ich einen genauen „Evakuationsplan“ in der Tasche hatten Ich ging im ersten Morgengrauen, als M noch tief schlief, hinüber, schaffte Platz für die Mappen mit den kleinen Arbeiten und ordnete sie im Teil der Wohnung, der bleiben würde. Später am Tag half Robert ihm in den Wohnraum, und ich zeigte ihm den Schrank. Ein tiefes Aufatmen. Dann war er fähig, zuzuhören, und ich versprach ihm, dass ich bei der ganzen Räumung zusammen mit Nati und mit Motti, dem Kompagnon, zum Rechten sehen würde. Nichts würde kaputt gehen, kein Blatt würde ohne seine Einwilligung fortgeworfen.
Ich war ganz aufgewühlt. War das richtig, was ich da eingefädelt hatte? Es war furchtbar hart, ja, aber was für andere Möglichkeiten gab es überhaupt?
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