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Was ich nicht seh´, tut mir nicht weh

Es ist reizend, ein ganz kleines Kind beim Versteckspiel zu beobachten: den Eifer, mit dem es dich sucht, den Jubel, wenn es dich entdeckt. Ist dann die Reihe, sich zu verstecken, am Kleinen, schliesst es manchmal einfach die Augen. Die Welt ist für es weg, es sieht sie nicht mehr, also, meint es, ist es selber unsichtbar geworden für die Welt. Spielst du mit und suchst unter Ausrufen „Wo ist es bloss?“ „Da nicht“ „Hier auch nicht“ „wo? wo?“, so öffnet es die Augen „Da, da!“ und hat einen Riesenspass.
Bald einmal wird das Kind aber die Sache durchschauen und „richtig“ spielen. Es hat die Entwicklungsstufe „Was ich nicht sehe, ist nicht da“ überwunden.

Gelegentlich trifft man aber auf erwachsene Menschen, die auf diese kleinkindliche Haltung regredieren und meinen, was sie nicht sehen/ wahrnehmen, existiere nicht. Oder zumindest geben sie vor, das zu meinen. Das ist dann nicht mehr reizend, sondern aufreizend und nervend.

Wenn nun der besagte erwachsene Mensch eine wichtige Stellung innehat, dank der er über Wohl und Wehe anderer Menschen bestimmt, wenn er z.B. in der Politik ist, Parteimensch, Parlamentarier, oder gar Minister – dann kann diese Haltung verheerende Folgen haben..


Das erleben wir hier am eigenen Leib. Unser PM, Ehud Olmert, ist Meister im Nichtsehen von Dingen, die ihm unangenehm sind.

Beispiele gefällig? Bitte.

Da ist die Misere in unserem Schul- und Bildungswesen. An der ist Herr Olmert unschuldig. Schon vor drei Jahrzehnten hat der Niedergang begonnen, seit die Erziehung nach und nach ihren hohen Stellenwert in der Prioritätenordnung des Staates und der Gesellschaft verlor. (Dabei spielten mancherlei Gründe mit; die stehen jetzt nicht zur Diskussion). Jedenfalls gab es schon lange Warnzeichen, die auf das sinkende Niveau hinwiesen. Trotzdem wurde Jahr für Jahr das Budget für Erziehung und Bildung gekürzt. Die ErziehungsministerInnen aller Regierungen versprachen sofort nach Amtsantritt Reformen, die kamen aber nie über Entwürfe hinaus und scheiterten regelmässig an fehlenden Finanzen. Dieses Jahr nun hatten die Lehrer genug davon, für beschämendes Entgelt überfüllte Klassen nach verjährten Lehrplänen und Lehrmitteln zu unterrichten. Sie begannen einen unbefristeten Streik. Die Verhandlungen zwischen der Lehrergewerkschaft und dem Erziehungsministerium führten zu nichts. Mit ihren Forderungen: anständige Löhne, Rückgabe der weggekürzten Stunden, kleinere Klassen und die immer wieder versprochenen und vorenthaltenen Reformen. fanden die Lehrer Gehör bei der Erziehungsministerin Prof. Yuli Tamir, sie hatten ausserdem die Elternräte und die Schülervertretungen wie auch einen grossen Teil der Media auf ihrer Seite – jeder wusste, so durfte es nicht weiter gehen, sonst könnte man beim nächsten PISA-Test nur noch gerade vor Qatar und Kirgistan glänzen. Aber Prof. Tamir konnte sich nicht durchsetzen; alles scheiterte am Widerstand des Finanzministeriums.
Mehr und mehr Stimmen wurden laut, der PM müsse nun endlich eingreifen und Ordnung schaffen. Aber für Herrn Olmert gab es das ganze Problem nicht. Nie fand er Zeit, sich die Vertreter der Lehrer und Eltern auch nur anzuhören (wohl aber traf er sich mit einer Popcelebrity, die auf einige Tage das Land besuchte). Erst nach zwei vollen Monaten Streik bequemte der PM sich dazu, den Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft einzuladen – zum Anzünden von Chanukkalichtern! Bei der Gelegenheit gab er einige Sätze zum Besten, wie wichtig doch gute Bildung sei, aber er dachte gar nicht daran, die geringste Hilfe zur Lösung des Konfliktes in Aussicht zu stellen. Er schloss einfach die Augen, und damit war das Problem verschwunden.
Ähnliches passiert mit dem Streik der Hochschulprofessoren. Wenn bis zum 13. Januar 2008 keine Einigung erreicht ist, verlieren die Studenten ein ganzen Studienjahr. Na, und?

Da ist auch die Sache mit Sderot. Sderot, 5 km vom Gazastreifen entfernt, hat seit Jahren unter fast täglichem Raketenbeschuss zu leiden. In Sderot gibt es kein normales Leben. Alles ist in ständiger Spannung. Die Angst regiert. Nicht wenige Menschen wandern ab. (Wer sich eine Vorstellung von der Stimmung m Sderot machen will, dem sei der Artikel „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner schaut hin“ von Henryk M. Broder im SPON vom 16. Dez. empfohlen, eine ausgezeichnete Momentaufnahme) Der Bürgermeister Eli Moyal versucht immer wieder, seiner Stadt den gleichen Status zu verschaffen, den die vom Libanonkrieg geschädigten Orte im Norden des Landes haben, und er verlangt dringend Schutzräume, wenigstens in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden. Der PM blieb lange stumm, und dann liess er verlauten, „die Verbunkerung einer Stadt“ würde der Politik seiner Regierung zuwiderlaufen; doch um die Moral der Bevölkerung zu heben, wäre er geneigt, Kredite für die Errichtung neuer Parks und Spielplätze zu befürworten. – Rührend, aber da schiesst Herr Olmert weiter neben das Ziel als die ersten, noch ganz primitiven Raketen aus dem Gazastreifen. Er hält seine Augen fest geschlossen, um die Gefahr nicht sehen zu müssen, in der die Menschen in Sderot tagtäglich leben (und jene in den umliegenden Kibbuzim und Moschavim; das wird oft vergessen). Seine Antwort muss in ihren Ohren wie purer Hohn klingen.
Sinniger Weise kam in der gleichen Nachrichtensendung auch die Meldung, die offizielle Residenz des PM solle mit Räumen ausgestattet werden, die auch vor unkonventionellen Waffen vollkommenen Schutz bieten.

Ferner ist da die Sache mit der Winograd-Kommission. Nach der unglücklichen Führung und dem unbefriedigenden Ausgang des 2. Libanon-Krieges tat Herr Olmert alles, um die Untersuchung des Geschehenen (und seiner Rolle dabei) durch eine unabhängige Kommission zu hintertreiben oder doch so lange hinauszuschieben, bis die Öffentlichkeit alles Interesse an dem Bericht verloren hätte. Diesmal versuchte er, auch die Augen der Bürger am Sehen zu hindern; denn was man nicht sieht, exisitert ja nicht.
Die Winograd-Kommission kam aber doch zu Stande, und schon nach ihrem Zwischenbericht (April 2007) hätte Herr Olmert als einer der drei, für die nicht richtig durchdachten Entscheidungen vor dem Krieg und in den Kriegswochen Hauptverantwortlichen eigentlich nach Hause gehen müssen. Die beiden anderen Hauptbelasteten, der Generalstabschef Dan Chalutz und der Verteidigungsminister Amir Peretz, zogen die Konsequenzen und traten zurück, Chalutz im Januar 2007, Peretz sofort nach der Veröffentlichung des Zwischenberichtes. Nicht so Herr Olmert. Weder die riesigen Protestversammlungen noch die Einzelheiten des Berichtes, noch die Tatsache, dass Strafuntersuchungen gegen ihn laufen, setzten ihm zu. Er hielt sich an sein altes Rezept: Augen zu und nichts sehen!
Jetzt steht die Veröffentlichung des Winograd-Schlussberichtes bevor. Er wird bestimmt für Herrn Olmert noch weniger schmeichlerisch ausfallen als der Zwischenbericht. Darum setzt er Vorsichts halber seine zweite bewährte Taktik ein und handelt nach dem Motto Vorbeugen ist besser denn heilen. Er erklärt nämlich schon heute, sein Rücktritt komme nicht in Frage, was auch im Bericht stehen möge.
Diese zweite Taktik hat Herr Olmert schon oft angewendet. Er wusste z.B. seit langer Zeit, dass verschiedene Strafuntersuchungen gegen ihn anstanden und er sich eines Tages sehr wohl als Angeklagter vor Gericht finden könnte. Also ernannte er Prof. Daniel Friedmann zum Justizminister, der schon lange eine Reform des Gerichtswesens gefordert hatte. Dieser ging sofort nach der Ernennung darauf aus, die Stellung der Gerichte und insbesondere des Obersten Gerichtshofes zu unterminieren und zu schwächen und das Gerichtswesen Schritt für Schritt zu delegitimieren. Ferner werden Schlüsselposten mit zuverlässigen Leuten besetzt und auf der anderen Seite „unbequeme Elemente“ ausgeschaltet, wie zum Beispiel der hohe Beamte (accountant general) Yaron Selicha, der unermüdlich gegen Korruption ankämpfte, wo immer sie sich zeigen mochte. (Wobei allerdings erwähnt sei, dass Selicha seinerzeit von Benyamin Nethanyahu, einem Busenfeind von Herrn Olmert, ins Amt gebracht wurde).

Eine mir nahestehende Frau hat neulich den Zerfall der Umgangsformen im allgemeinen und in der Politik im besonderen bedauert. Wenn wir, meinte sie, wie im Englischen, anstatt „Bush“ oder „Merkel“ „Mr. Bush“ oder „Mrs. Merkel“ schrieben, gäbe das den nötigen Abstand, den wir in der heutigen Hemdsärmeligkeit so vermissen lassen. Darum habe ich in diesem ganzen Eintrag „Herr Olmert“ geschrieben, denn ich möchte einen weiten, weiten Abstand zwischen uns und ihm haben. Und zwar möglichst bald.
27.12.07 21:29
 


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