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Was ich nicht seh´, tut mir nicht weh

Es ist reizend, ein ganz kleines Kind beim Versteckspiel zu beobachten: den Eifer, mit dem es dich sucht, den Jubel, wenn es dich entdeckt. Ist dann die Reihe, sich zu verstecken, am Kleinen, schliesst es manchmal einfach die Augen. Die Welt ist für es weg, es sieht sie nicht mehr, also, meint es, ist es selber unsichtbar geworden für die Welt. Spielst du mit und suchst unter Ausrufen „Wo ist es bloss?“ „Da nicht“ „Hier auch nicht“ „wo? wo?“, so öffnet es die Augen „Da, da!“ und hat einen Riesenspass.
Bald einmal wird das Kind aber die Sache durchschauen und „richtig“ spielen. Es hat die Entwicklungsstufe „Was ich nicht sehe, ist nicht da“ überwunden.

Gelegentlich trifft man aber auf erwachsene Menschen, die auf diese kleinkindliche Haltung regredieren und meinen, was sie nicht sehen/ wahrnehmen, existiere nicht. Oder zumindest geben sie vor, das zu meinen. Das ist dann nicht mehr reizend, sondern aufreizend und nervend.

Wenn nun der besagte erwachsene Mensch eine wichtige Stellung innehat, dank der er über Wohl und Wehe anderer Menschen bestimmt, wenn er z.B. in der Politik ist, Parteimensch, Parlamentarier, oder gar Minister – dann kann diese Haltung verheerende Folgen haben..


Das erleben wir hier am eigenen Leib. Unser PM, Ehud Olmert, ist Meister im Nichtsehen von Dingen, die ihm unangenehm sind.

Beispiele gefällig? Bitte.

Da ist die Misere in unserem Schul- und Bildungswesen. An der ist Herr Olmert unschuldig. Schon vor drei Jahrzehnten hat der Niedergang begonnen, seit die Erziehung nach und nach ihren hohen Stellenwert in der Prioritätenordnung des Staates und der Gesellschaft verlor. (Dabei spielten mancherlei Gründe mit; die stehen jetzt nicht zur Diskussion). Jedenfalls gab es schon lange Warnzeichen, die auf das sinkende Niveau hinwiesen. Trotzdem wurde Jahr für Jahr das Budget für Erziehung und Bildung gekürzt. Die ErziehungsministerInnen aller Regierungen versprachen sofort nach Amtsantritt Reformen, die kamen aber nie über Entwürfe hinaus und scheiterten regelmässig an fehlenden Finanzen. Dieses Jahr nun hatten die Lehrer genug davon, für beschämendes Entgelt überfüllte Klassen nach verjährten Lehrplänen und Lehrmitteln zu unterrichten. Sie begannen einen unbefristeten Streik. Die Verhandlungen zwischen der Lehrergewerkschaft und dem Erziehungsministerium führten zu nichts. Mit ihren Forderungen: anständige Löhne, Rückgabe der weggekürzten Stunden, kleinere Klassen und die immer wieder versprochenen und vorenthaltenen Reformen. fanden die Lehrer Gehör bei der Erziehungsministerin Prof. Yuli Tamir, sie hatten ausserdem die Elternräte und die Schülervertretungen wie auch einen grossen Teil der Media auf ihrer Seite – jeder wusste, so durfte es nicht weiter gehen, sonst könnte man beim nächsten PISA-Test nur noch gerade vor Qatar und Kirgistan glänzen. Aber Prof. Tamir konnte sich nicht durchsetzen; alles scheiterte am Widerstand des Finanzministeriums.
Mehr und mehr Stimmen wurden laut, der PM müsse nun endlich eingreifen und Ordnung schaffen. Aber für Herrn Olmert gab es das ganze Problem nicht. Nie fand er Zeit, sich die Vertreter der Lehrer und Eltern auch nur anzuhören (wohl aber traf er sich mit einer Popcelebrity, die auf einige Tage das Land besuchte). Erst nach zwei vollen Monaten Streik bequemte der PM sich dazu, den Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft einzuladen – zum Anzünden von Chanukkalichtern! Bei der Gelegenheit gab er einige Sätze zum Besten, wie wichtig doch gute Bildung sei, aber er dachte gar nicht daran, die geringste Hilfe zur Lösung des Konfliktes in Aussicht zu stellen. Er schloss einfach die Augen, und damit war das Problem verschwunden.
Ähnliches passiert mit dem Streik der Hochschulprofessoren. Wenn bis zum 13. Januar 2008 keine Einigung erreicht ist, verlieren die Studenten ein ganzen Studienjahr. Na, und?

Da ist auch die Sache mit Sderot. Sderot, 5 km vom Gazastreifen entfernt, hat seit Jahren unter fast täglichem Raketenbeschuss zu leiden. In Sderot gibt es kein normales Leben. Alles ist in ständiger Spannung. Die Angst regiert. Nicht wenige Menschen wandern ab. (Wer sich eine Vorstellung von der Stimmung m Sderot machen will, dem sei der Artikel „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner schaut hin“ von Henryk M. Broder im SPON vom 16. Dez. empfohlen, eine ausgezeichnete Momentaufnahme) Der Bürgermeister Eli Moyal versucht immer wieder, seiner Stadt den gleichen Status zu verschaffen, den die vom Libanonkrieg geschädigten Orte im Norden des Landes haben, und er verlangt dringend Schutzräume, wenigstens in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden. Der PM blieb lange stumm, und dann liess er verlauten, „die Verbunkerung einer Stadt“ würde der Politik seiner Regierung zuwiderlaufen; doch um die Moral der Bevölkerung zu heben, wäre er geneigt, Kredite für die Errichtung neuer Parks und Spielplätze zu befürworten. – Rührend, aber da schiesst Herr Olmert weiter neben das Ziel als die ersten, noch ganz primitiven Raketen aus dem Gazastreifen. Er hält seine Augen fest geschlossen, um die Gefahr nicht sehen zu müssen, in der die Menschen in Sderot tagtäglich leben (und jene in den umliegenden Kibbuzim und Moschavim; das wird oft vergessen). Seine Antwort muss in ihren Ohren wie purer Hohn klingen.
Sinniger Weise kam in der gleichen Nachrichtensendung auch die Meldung, die offizielle Residenz des PM solle mit Räumen ausgestattet werden, die auch vor unkonventionellen Waffen vollkommenen Schutz bieten.

Ferner ist da die Sache mit der Winograd-Kommission. Nach der unglücklichen Führung und dem unbefriedigenden Ausgang des 2. Libanon-Krieges tat Herr Olmert alles, um die Untersuchung des Geschehenen (und seiner Rolle dabei) durch eine unabhängige Kommission zu hintertreiben oder doch so lange hinauszuschieben, bis die Öffentlichkeit alles Interesse an dem Bericht verloren hätte. Diesmal versuchte er, auch die Augen der Bürger am Sehen zu hindern; denn was man nicht sieht, exisitert ja nicht.
Die Winograd-Kommission kam aber doch zu Stande, und schon nach ihrem Zwischenbericht (April 2007) hätte Herr Olmert als einer der drei, für die nicht richtig durchdachten Entscheidungen vor dem Krieg und in den Kriegswochen Hauptverantwortlichen eigentlich nach Hause gehen müssen. Die beiden anderen Hauptbelasteten, der Generalstabschef Dan Chalutz und der Verteidigungsminister Amir Peretz, zogen die Konsequenzen und traten zurück, Chalutz im Januar 2007, Peretz sofort nach der Veröffentlichung des Zwischenberichtes. Nicht so Herr Olmert. Weder die riesigen Protestversammlungen noch die Einzelheiten des Berichtes, noch die Tatsache, dass Strafuntersuchungen gegen ihn laufen, setzten ihm zu. Er hielt sich an sein altes Rezept: Augen zu und nichts sehen!
Jetzt steht die Veröffentlichung des Winograd-Schlussberichtes bevor. Er wird bestimmt für Herrn Olmert noch weniger schmeichlerisch ausfallen als der Zwischenbericht. Darum setzt er Vorsichts halber seine zweite bewährte Taktik ein und handelt nach dem Motto Vorbeugen ist besser denn heilen. Er erklärt nämlich schon heute, sein Rücktritt komme nicht in Frage, was auch im Bericht stehen möge.
Diese zweite Taktik hat Herr Olmert schon oft angewendet. Er wusste z.B. seit langer Zeit, dass verschiedene Strafuntersuchungen gegen ihn anstanden und er sich eines Tages sehr wohl als Angeklagter vor Gericht finden könnte. Also ernannte er Prof. Daniel Friedmann zum Justizminister, der schon lange eine Reform des Gerichtswesens gefordert hatte. Dieser ging sofort nach der Ernennung darauf aus, die Stellung der Gerichte und insbesondere des Obersten Gerichtshofes zu unterminieren und zu schwächen und das Gerichtswesen Schritt für Schritt zu delegitimieren. Ferner werden Schlüsselposten mit zuverlässigen Leuten besetzt und auf der anderen Seite „unbequeme Elemente“ ausgeschaltet, wie zum Beispiel der hohe Beamte (accountant general) Yaron Selicha, der unermüdlich gegen Korruption ankämpfte, wo immer sie sich zeigen mochte. (Wobei allerdings erwähnt sei, dass Selicha seinerzeit von Benyamin Nethanyahu, einem Busenfeind von Herrn Olmert, ins Amt gebracht wurde).

Eine mir nahestehende Frau hat neulich den Zerfall der Umgangsformen im allgemeinen und in der Politik im besonderen bedauert. Wenn wir, meinte sie, wie im Englischen, anstatt „Bush“ oder „Merkel“ „Mr. Bush“ oder „Mrs. Merkel“ schrieben, gäbe das den nötigen Abstand, den wir in der heutigen Hemdsärmeligkeit so vermissen lassen. Darum habe ich in diesem ganzen Eintrag „Herr Olmert“ geschrieben, denn ich möchte einen weiten, weiten Abstand zwischen uns und ihm haben. Und zwar möglichst bald.
27.12.07 21:29


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Der Doppelverdiener

Szene: die Ausfallstrasse von Jerusalem nach Tel Aviv, Hauptverkehrszeit. Unser Taxifahrer bekommt während voller Fahrt einen Anruf von einer Frau namens Rivka. Die will wissen, wann es denn endlich vorwärts gehe mit ihrer Stellensuche. Seit November schon stelle er ihr etwas in Aussicht, aber... Der Fahrer fragt nach ihrem Geburtstag und Jahrgang und kritzelt die Auskunft lässig auf einen Zettel. Dann beginnt er ihr zu erklären, der ungünstige Einfluss von Saturn sei im Abklingen begriffen, ja, eigentlich schon vorüber, aber da seien noch ... ja was jetzt? Ich weiss schon nicht mehr genau...Jedenfalls: die gute Zeit sei noch nicht ganz da. Vom 20. Dezember an würden die Aussichten besser, doch solle sie sich noch etwas in Geduld fassen; sie müsse in Betracht ziehen, dass auch bei gutem Stand der Planeten der Zeitpunkt nicht so günstig sei. Die Firmenkader seien jetzt mit Jahresabschlüssen und Arbeitsplänen beschäftigt und hätten in den seltensten Fällen Zeit zu Vorstellungsgesprächen. Aber im Januar, im Januar - da finde sie bestimmt eine gute Stelle. Inzwischen solle sie suchen: in den Zeitungen, bei Agenturen, im Internet. Und immer, immer positiv denken. Das sei wichtig, sehr wichtig. Den Mut nicht verlieren. usf. usw. , - unbestimmte, unverbindliche Phrasen, aber überzeugend vorgebracht. Die zweifelnden Einwürfe der guten Frau entkräftet er mit schöner sonorer Bassstimme, stellt da und dort Fragen, und sie breitet vertrauensvoll ihre Probleme vor ihm aus, ohne zu ahnen, dass sie unfreiwillige Mithörer hat (und wahrscheinlich ohne zu ahnen, mit wem sie wirklich spricht). Zuletzt tönt sie ruhiger und zuversichtlicher.

Die Sache berührt etwas peinlich – offenbar nicht nur uns: Nach Ende des Gespräches wendet der Fahrer sich zu uns und erklärt, er sei Astrologe, er berate viele Klienten - gegen Bezahlung. Wenn nötig auch während Taxifahrten, ja. - Nein, er möge niemanden von sich abhängig machen. Er strebe vielmehr danach, diese Menschen mit der Zeit zu selbständigen Überlegungen und Entschlüssen zu bringen.

Auf seine Visitenkarte haben wir trotzdem dankend verzichtet.
18.12.07 19:55


Abstand gewinnen

Viel Zeit ist seit meinem letzten Eintrag vergangen. Inzwischen habe ich etwas mehr Abstand zu den Ereignissen und damit auch eine andere Perspektive gewonnen, etwa wie wir eine Landschaft vom Flugzeug aus anders sehen als vom Boden aus: Einzelheiten verschwinden, dafür wird der Blickwinkel grösser. Damals musste ich mich ganz und gar auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Heute aber nehme ich wieder Dinge ausserhalb meiner kleinen Welt wahr, und da und dort versuche ich eigenen Interessen nachzugehen. Etwas davon wird sich wohl von nun an in dem Blog spiegeln - auch wenn ich den Rückblick auf ein Jahr, das mein Leben völlig verändert hat, weiterführen möchte.Das eine ist für mich wichtig als eine Art Rechnungsablage, das andere als ein Abtasten, ob ich im Stande sei, „verlorenens Terrain“ wieder zurück zu gewinnen.


Die kleine Wohnung wurde auf drei Monate unser Heim. Einfach, aber mit (fast) allem Nötigen ausgestattet, bot sie den richtigen Rahmen für ein improvisiertes Leben. Wir fühlten uns wie in einem der „Tsimmerim“ („Zimmer“, will sagen Ferienwohnungen), die man jetzt an so vielen schönen Orten in Israel für erschwingliche Preise mieten kann – in einer lockeren, unbeschwerten Atmosphäre. Wir erlebten die vertraute Umgebung aus neuem Blickwinkel, empfingen Freunde und Nachbarn .... M blühte sichtlich auf – hier war er wieder ein Mensch, wurde wichtig genommen und umsorgt und konnte sich geborgen fühlen. Robert pflegte ihn aufs sorgfältigste, erriet seine Wünsche und ging auf alle seine Ideen ein. Ich sah erstmals nach langen Monaten Lichtstreifen am Horizont. Die Situation schien nicht mehr ausweglos. Es würden noch strenge, schwere Wochen kommen, ja. Aber ich war nicht mehr allein mit der Verantwortung. Was M und das Haus anging, konnte ich mich auf Robert verlassen, was den bevorstehenden Bau anging, auf die Architektin Nava und den Kablan Nati, mit denen ich in dieser Zeit die Detailpläne durcharbeitete. Ich begann Zuversicht zu fassen. Der Plan würde sich umsetzen lassen, Schritt für Schritt, nur Mut und Ausdauer!

Ein Abschnitt aus einem Brief gibt vielleicht etwas von meiner damaligen Stimmung wieder:
„ ... Nun haben wir einige Wochen Ruhe und Stille; wir beide brauchen sie dringend. M muss sich von den schweren Traumata – Fall, völliger Verlust der Selbständigkeit - erholen, ich von dem Monate dauernden Stress, dem chronischen Schlafmangel etc. Unser Filipino Robert ist unser Glücksfall. Er tut viel mehr, als wir erwarten konnten. Er kann massieren, macht physiotherapeutische Übungen, natürlich auch die alltäglichen Verrichtungen – alles mit heiterer Gelassenheit, viel Verständnis für unsere Situation und mit Humor. M hat ihn in den drei Wochen schon ins Herz geschlossen. Für mich beginnt das gute Leben: freier Ausgang, guter Schlaf, nicht mehr allein verantwortlich etc. --- und nicht mehr abwaschen!!!! Ich bin schon beinahe wieder normal ...“
16.12.07 19:36


Das soll ich tun II, oder: Wie bauen?

Die Frage „wie und wo leben, bis gebaut ist.?“ war gelöst. Die knapp 40 Quadratmeter kleine Wohnung würde - musste für M, für mich und für Robert genügen, bis ... ja bis der Umbau fertig und das Haus behindertengerecht sein würde.

Die zweite Hauptfrage: „Wie bauen?“ stand gleichzeitig mit der Suche nach einer häuslichen Pflegemöglichkeit an. Sie flösste mir gewaltige Bedenken ein; wie konnte ich in Baudingen ganz Unbedarfte überhaupt ein solches Projekt in Angriff nehmen? Techiya merkte, dass ich, wie man hier sagt, „den Bauch voller Schmetterlinge“ hatte, und wusste auch da Rat:. „Du, ich kenne eine Architektin, sie wohnt ganz nahe bei Euch, in *“. „Heisst sie etwa Nava?“ „Was, du kennst sie auch?“ „Ja, und M hat sie kennen gelernt, als sie acht Tage alt war! Er und ihre Eltern waren Nachbarn, sie war die nächste Freundin seiner Tochter, und wir hatten lange gute Verbindung mit ihr.“ Mich hatte sie damals durch ihre Resolutheit und Geradlinigkeit, mitunter auch durch eine gewisse Schroffheit als „Urtypus der Zaberit“ beeindruckt. Wie sie heute sein mochte? Was waren ihre beruflichen Qualifikationen? „Wer nichts wagt, kriegt keine Schwiegermutter!“ pflegte M zu sagen. Ein Anruf war unverbindlich, was konnte schon passieren!

Nava liess sich die Situation schildern und kam gleich am nächsten Tag, um sich das Haus anzusehen. Der Architekt, der es gebaut hatte, war ihr ein verehrter und anregender Lehrer gewesen; sie kannte seine Stärken und seine Schwächen sehr wohl. Auf dem Rundgang sagte sie immer wieder: „Ein Genie – aber vollkommen verrückt. Verrückt ist das, verrückt – aber ein Genie ist er“, usw. in Variationen. Und nachher, die Aufgabe reize sie, beruflich und menschlich; menschlich, weil sie M immer sehr gut gemocht hatte und ihm gerne sein Heim erhalten wollte; beruflich, weil es für sie eine Herausforderung war, das Cachet, die Atmosphäre des Hauses zu bewahren, es aber auch für sportlich nicht besonders trainierte Menschen bewohnbar zu machen. - Der Architekt Schimon dachte den Raum vor allem als Skulptur; um schöner Klänge und Entsprechungen willen verzichtete er ohne weiteres auf die Bequemlichkeit der Bewohner. Die, und zwar vor allem die Hausfrauen, hatten dann die Folgen dieser Einstellung zu tragen, und viele seiner Auftraggeber waren mit ihm unzufrieden seinen unbestrittenen schöpferischen Fähigkeiten zum Trotz. Nava, bei allem künstlerischen Sinn, weiss, dass die Menschen die Räume auch zum Leben brauchen. Als Mutter von sechs Kindern kennt sie auch die praktischen Erfordernisse des Alltags. Das war mir in unserem Fall besonders wichtig.

Nava verstand auch, dass Eile not tat. In kürzester Zeit legte sie vier Grobentwürfe vor, jeden mit seinen Vor- und Nachteilen charakterisierend. Ich hatte eine Nacht Zeit, sie durchzudenken, dann sprachen wir die Sache durch, und ich wählte einen Entwurf zum Ausarbeiten: M´s Studio sollte in ein Schlafzimmer mit Dusche / Toilette umgebaut werden, und zwar so, dass der Kern des Hauses (Wohn/Essraum mit Küche) beinahe unverändert bliebe. Er, der neue Teil sowie der anschliessende kleine Innenhof kämen auf gleiche Höhe zu liegen. (Bis jetzt gab es überall Treppen, meist mit ungleichmässigen Stufenhöhen). Ein rollstuhlgerechter Zugang zum Haus musste ebenfalls geschaffen werden; das bedingte auch Aussenarbeiten.

Die Idee des Entwurfes gefiel mir sehr; ich bat um Ausarbeitung. Die nächsten grossen Fragen waren „Wieviel soll denn das kosten?“ und „Wie finde ich einen guten Kablan (Bauunternehmer)?“ Bekannte schlugen mir verschiedene Leute vor; alle hatten schon in unserem Wohnort gearbeitet und hatten Referenzen. Aber ein Nachteil war allen gemeinsam: Sie alle beschäftigten illegale palästinensische Arbeiter. Das kam für unser Projekt nicht in Frage. Ich hatte kein Geld für die drastischen Geldstrafen, die jedem illegalen Arbeitgeber angedroht sind, so er erwischt wird (und dafür hätte bestimmt ein lieber Nachbar gesorgt). Ausserdem besteht immer das Risiko von plötzlichem Wegbleiben der Arbeiter ...Nein, dafür war ich nicht gebaut.
– Nava schlug mir einen Kablan vor, mit dem sie schon mehr als einmal gearbeitet hatte und den sie mir als soliden und fairen Partner empfahl. Ich verlangte und bekam einen verbindlichen Kostenvoranschlag. Der verschlug mir schier den Atem, denn er lag mehr als 30% über der vorher von Nava genannten ungefähren Summe. Also hiess es sparen, dies und jenes abstreichen. Ich frass mich durch das 18-seitige von Fachausdrücken strotzende Dokument ---- uuufff!

Als etwas vorlag, das Hand und Fuss hatte, sagte ich: „Jetzt musst du zu M fahren und ihm alles erklären“. Die Idee hatte ich ihm schon viel früher unterbreitet, hatte ihm auch die Pläne gezeigt und erläutert, so gut ich konnte. Er hatte wenig darauf erwidert, nur etwa ein „Ah, Nava´le?“ und „Lohnt sich dieser Aufwand noch für mich?“ hingeworfen. Ich schrieb diese Passivität seinem schlechten Zustand und seiner deprimierten Stimmung zu und legte Wert darauf, ihn möglichst klar über jeden Schritt zu informieren, schon damit er fühle und wisse, dass er nicht einfach im „Etablissement“ liegen gelassen werde.
Jetzt, als Nava kam, hörte er anscheinend aufmerksam ihren sehr ausführlichen Erläuterungen zu und sagte dann: „Nava, ich gebe dir freie Hand für den Bau dieses Zimmers“.

Ich atmete auf, denn ich hatte befürchtet, M würde dem Verlust seines Studios nicht zustimmen
21.8.07 20:48


Ein grosser Tag: Die Befreiung

Der Brief und die drei Gutachten taten ihre Wirkung. Schon eine Woche später konnte Goldmann mir melden, der Pfleger sei bewilligt worden. Am nächsten Tag werde sich einer vorstellen. Das Ende von M´s entwürdigendem Aufenthalt war in Sicht!! Auch M schöpfte Hoffnung.

Der Pfleger Arnold gefiel, aber schon am nächsten Morgen meldete er eine Sportverletzung; der Arzt habe ihn mindestens für 14 Tage krank geschrieben. Goldmann bedauerte und schickte zwei Tage später Leomar; wir wussten gleich – den wollen wir nicht, und wenn´s noch länger dauert. Er setzte sich wichtigtuerisch in Pose und sah seelenruhig zu, wie eine Schwester versuchte, M vom Esssaal zum Bett zu bringen und wie ich Stühle herschleppte. Sobald er weg war, rief ich Goldmann an, der passe nicht. Sie würden gleich noch einen schicken, wenn ich so lange warten könne. Aber bitte, gern! Robert kam; er war uns mit seiner unaufdringlichen Hilfsbereitschaft und seinem guten, heiteren Gesicht gleich sympathisch, und wir stellten ihn ein.

Am morgigen Spätnachmittag brachte uns Techiya samt Robert nach Hause! Alles war für das grosse Evenement bereit: Schon drei Tage zuvor hatten Techiya und ich die nötigen Hilfen – Rollstuhl, Rollator, „Bettgitter“ , Toilettenstuhl – bei Yad Sarah ( was das ist? s. Eintrag 13.2.06) besorgt. Am Morgen hatten die Mieter die Betten, einen kleinen Tisch und Stühle herüber geschleppt, ich hatte die Betten bezogen, die Küchenecke eingerichtet und etwas vorgekocht, auch Bücher und einige Blumen standen auf dem Tisch, und über der Türe prangte ein Willkommensplakat, geschrieben von den Mietern!

In jener Nacht habe ich vor lauter Glück wenig geschlafen.
15.8.07 18:34


Das Opus

22.04.07

An Tamat/Semech
.............................
Jerusalem

.............


Mein Mann ..., geb.1912, Zeit seines Lebens ein Arbeitsmensch, war bis vor wenigen Monaten tagtäglich in seinem künstlerischen Beruf tätig; dies trotz mannigfacher gesundheitlicher Probleme, darunter:
- zwei grossen Operationen an der Halswirbelsäule
- einem Herzinfarkt und als dessen Folge Anfälle von Angina pectoris
- schweren Gleichgewichtsstörungen und in den letzten Monaten zunehmender Fallneigung.

Im Oktober 2006 versagten binnen weniger Tage eine Hände ihre Funktion. Seither vermag er sie hicht höher als bis zur Brust zu heben und kann keinen Gegenstand aus mehr als 30 cm Entfernung fassen. Dies beeinträchtigt sein alltägliches Tun schwer. Beim Aufstehen und Sich-Niederlegen, beim An- und Ausziehen, beim Essen und Trinken ist er auf Hilfe angewiesen, ebenso bei vielen anderen Verrichtungen, z.B. dem Aufsetzen der Brille, der Betätigung eines Lichtschalters, des Einsetzen seines Hörgerätes, dem Herausnehmen eines Buches aus dem Gestell u.a.m. Am schwierigsten für mich ist, ihn beim Gehen zu stützen (Ich bin bloss 153 cm gross und selber nicht zu 100% standfest).

In der ersten Aprilwoche fiel M zweimal. Beim ersten Mal verletzte er sich am linken Knie, was die Pflege noch mehr erschwerte. Vier Tage später fiel er aus dem Bett und zog sich einen Rippenbruch zu. Seither ist er in jeder Hinsicht der Hilfe und Pflege bedürftig.

Da wir weder Kinder noch Verwandte im Lande haben, wurde ich seine alleinige Pflegerin. Bis jetzt habe ich ihn mit allen meinen Kräften und nach bestem Können umsorgt. Jetzt, spüre ich, bin ich ans Ende meiner Fähigkeiten gekommen. Ich bin 75 Jahre alt und habe selber auch gesundheitliche Probleme. So gerne ich es täte – unser bisheriges Leben weiterführen hiesse ihn wie mich gefährden.

In Anbetracht all des oben Gesagten ersuche ich Sie, uns die Anstellung eines fremden Pflegers zu bewilligen; dies ist für uns lebenswichtig.

................................
13.8.07 19:42


Das soll ich tun! (I)

Abgerissene Fetzen aus den tagsüber geführten Gesprächen: „ebenerdige Wohnung“ „fachgerechte Pflege“ „Umbau“ „wohin inzwischen“ „nichts wie weg mit M von dort“ „wie das alles“ „Pfleger muss her“ „weg, weg --- schnell“ „wen fragen“ „ebenerdige Wohnung“ „weg, weg“ „wie? wie?“ etc.etc. wirbelten wirr durch meinen Kopf und begleiteten mich bis in den Schlaf. Er war trotz allem tief und erholsam, wie in der ganzen Zeit seit M´s Hospitalisierung.

Am anderen Morgen arbeitete der Kopf wieder. Auf zwei Fragenkomplexe sollte ich eine Antwort finden, nämlich „wie bauen?“ und „wie und wo leben, bis gebaut ist.?“ Mit einem Pfleger in einer ebenerdigen Wohnung sollte das gehen. – Zum Kuckuck, die haben wir ja, die kleine ebenerdige 1 ½ -Zimmer-Wohnung mit einem Sitzplatz davor, an die unser Haus angebaut wurde Sie ist zwar vermietet, und der Vertrag läuft erst Ende Jahr ab, aber wer weiss --- . Ich legte das Problem unseren Mietern vor, und siehe, sie zeigten sich zu einem zeitweiligen „Wohnungstausch“ bereit. Sie würden ihre Möbel bei uns einstellen und dafür unsere Betten und einige Kleinmöbel herüber bringen. Sie hätten mehr Platz, und die Unannehmlichkeiten der Bauerei würden für sie nicht so schlimm sein, da sie tagsüber meist ausser Haus waren.

Nun musste bloss noch ein Pfleger her. Wieder sammelte ich Auskünfte und Ratschläge: Kosten? Nicht wenig, aber vielleicht doch erschwinglich. Bedingungen? Die änderten sich beständig, ich würde die aktuellen am besten bei einer vertrauenswürdigen Manpower-Agentur erfragen. Ich wandte mich an die Agentur Goldmann, die mir mehrere meiner Gewährsleute empfohlen hatten, und bekam schon bei der Erstbesprechung die wesentlichen Auskünfte. Ihr Sozialarbeiter Zvi besuchte M, um den Fall zu evaluieren und mir nachher durch den Dschungel der Vorschriften zu helfen. Es gäbe eine einzige legale Möglichkeit, einen Pfleger (aus dem Ausland) zu bekommen, wenn ich nämlich der zuständigen Amtsstelle (Tamat/Semech) die Notwendigkeit beweisen könne. Ich solle Gutachten von Ärzten und Sozialarbeitern einreichen; er selber werde auch eines verfassen. Das Wichtigste aber sei ein Brief von mir, in dem ich den Antrag begründe. Das alles nebst einer Quittung über erlegte Gebühren solle ich zu Goldmann bringen, das Übrige würde die Agentur besorgen.

Ich ging nach Hause und schwitzte Blut. Briefe an Ämter sind nun einmal meine Sache nicht, erst nicht Bittbriefe und dann noch in Ivrit! Aber zuletzt brachte ich das Opus doch zu Papier und anschliessend zu Goldmann.
12.8.07 11:00


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